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101 Passage durchs Gebäude

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PASSAGE DURCHS GEBÄUDE
PASSAGE DURCHS GEBÄUDE


... wenn der Gebäudekomplex eine hohe Dichte hat, dann kann zumindest ein Teil des Verkehrs nicht auf offenen FUSSGÄNGERSTRASSEN (100) verlegt werden, weil die Gebäude zu viel Fläche bedecken; in diesem Falle müssen die Hauptlinien der ORIENTIERUNGSBEREICHE (98) die Form von Passagen annehmen, die ähnlich den Fußgängerstraßen sind, aber teilweise oder ganz im Innern der Gebäude verlaufen. Passagen durch Gebäude ersetzen die schrecklichen Gänge, die so viele moderne Gebäude zerstören, und bewirken die innere Gliederung eines GEBÄUDEKOMPLEXES (95)


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Wenn ein öffentlicher Baukomplex nicht zur Gänze von offenen Fußgängerstraßen erschlossen werden kann, ist eine neue Form von Innenstraße erforderlich, die nichts mit einem herkömmlichen Gang zu tun hat.


Eine Innenstraße.
Eine Innenstraße.
Eine Innenstraße.


Das Problem entsteht unter zwei Bedingungen:

  1. Kaltes Wetter. In sehr kaltem Klima ist die Erschließung von außen eher ein Hindernis der sozialen Kommunikation als eine Hilfe. Natürlich kann eine Straße überdacht sein, vor allem mit einem Glasdach. Sobald sie aber überdeckt ist, hat sie eine andere soziale Ökologie und funktioniert anders.
  2. Hohe Dichte. Wenn ein Gebäudekomplex so dicht auf seinem Bauplatz zusammengepackt ist, dass kein vernünftiger Platz für offene Straßen bleibt, weil der ganze Gebäudekomplex ein kontinuierliches zwei-, drei- oder viergeschossiges Gebäude ist, muss man unter anderen Vorzeichen über die Erschließung nachdenken.



Um diesen beiden Bedingungen gerecht zu werden, müssen Straßen durch innere Passagen oder Gänge ersetzt werden. Sobald wir sie aber nach innen legen und überdecken; stellen sich völlig neue Probleme, weil sie durch ihre Isolierung steril werden. Erstens werden sie aus dem öffentlichen Bereich entfernt und sind oft menschenleer. Leute halten sich kaum zwanglos in öffentlichen Gängen auf, die abseits der. Straße hegen. Und zweitens werden die Gänge so unwirtlich, dass dort nichts vor sich geht. Sie sind zum Durchhasten, nicht zum Verweilen angelegt.


Um diese neuen Probleme zu lösen, die beim Verlegen. einer Straße nach innen entstehen, müssen die Innenstraßen oder Passagen — fünf bestimmte Eigenschaften haben:


1. Abkürzung


Öffentliche Plätze in Gemeinschaftsbauten (Rathäusern, Gemeinschaftszentren, Büchereien) brauchen diese Eigenschaft besonders, weil die Leute beim zwanglosen Herumtreiben mit "den Vorgängen im Gebäude vertraut werden und vielleicht anfangen, es zu benützen.

Aber man verweilt kaum zwanglos an diesen Stellen ohne „offiziellen Grund". Goffman beschreibt diese Situation so:


Sich an einem öffentlichen Platz zu befinden, ohne dass ein Bezug zu ersichtlichen Zielen über die Situation hinaus besteht, wird manchmal als Herumlungern — bei fixer Position — oder Herumtreiben — wenn mit Bewegung verbunden — bezeichnet. Beides kann als ungehörig betrachtet werden und Anlass zum Einschreiten liefern. Auf vielen Straßen unserer Städte, besonders zu bestimmten Stunden, wird die Polizei jeden, der anscheinend nichts tut, anhalten und zum „Weitergehen" auffordern. (In London stellte vor kurzem ein Gerichtsurteil fest, ein einzelner habe ein Recht, auf der Straße zu gehen, aber nicht das gesetzliche Recht, bloß auf ihr zu stehen.) In Chicago kann eine Person im Aufzug eines Landstreichers am „Standplatz" herumlungern, aber außerhalb dieses Reservats muss er sich den Anschein geben, er sei beruflich unterwegs. Analog dazu verdanken einige Patienten von Nervenheilanstalten ihre Einweisung dem Umstand, dass die Polizei sie zu unpassender Stunde auf der Straße wandernd antraf, ohne dass sie ein Ziel oder einen Zweck ersichtlich machen konnten. (Erving Goffman, Behavior in Public Places, New York: Free Press, 1963, S..56,)


Ein wirklich brauchbarer öffentlicher Raum muss irgendwie der Anti-Herumtreiber-Tendenz in der modernen Gesellschaft entgegenwirken. Vor allem diese Probleme haben wir beobachtet-Ein wirklich brauchbarer öffentlicher Raum muss irgendwie der Anti-Herumtreiber-Tendenz in der modernen Gesellschaft entgegenwirken. Vor allem diese Probleme haben wir beobachtet;

  1. Eine Person wird einen öffentlichen Platz nicht benützen, wenn sie sich eigens hinbegeben muss und damit zu erkennen gibt, dass sie sich „absichtlich" dort aufhält.
  2. Wenn Leute an einem Ort aufgefordert werden, den Grund für ihre Anwesenheit anzugeben (z. B. von einer Empfangsdame oder von einem Beamten), werden sie ihn nicht zwanglos benützen.
  3. Türen, Gänge, Niveaustufen usw. am Zugang zu einem öffentlichen Ort halten Leute eher ab, wenn sie nicht ein bestimmtes Ziel verfolgen.


Orte die diese Probleme vermeiden, wie die Galleria in Mailand, haben eines gemeinsam: sie werden von öffentlichen Passagen durchschnitten, die mit Stellen zum Stehenbleiben, Flanieren und Beobachten gesäumt sind.
Illustration aus „A Pattern Language“
Illustration aus „A Pattern Language“


2. Breite

Eine Innenstraße muss breit genug sein, damit Leute gemütlich gehen oder stehenbleiben können. Durch informelle Experimente kann man feststellen, wie viel Platz Leute beim Aneinander-Vorbeigehen brauchen. Da die Häufigkeit der Begegnung von drei Menschen mit drei Menschen nicht groß ist, betrachten wir als Maximum das Vorbeigehen von zwei Personen an zwei. Personen oder von drei Personen an einer Person.


Jede Person braucht ungefähr 60 cm; etwa 30 cm müssen zwei. aneinander vorbeigehenden Gruppen bleiben, damit nicht das Gefühl des Gedränges entsteht; gewöhnlich geht man 30 cm von der Wand entfernt. Die Straßenbreite -sollte demnach mindestens 3,5 m sein.


Unsere Experimente zeigen auch, dass es für eine Person, die am Straßenrand sitzt oder steht, unangenehm ist, wenn jemand näher als 1,5 m an ihr vorbeigeht. Also sollte sich die Straße an den Stellen, wo Sitzplätze, Aktivitäten, Eingänge und Ladentische sind, auf ungefähr 5 m (einseitig) oder 6 m (zweiseitig) verbreitern.


3. Höhe

Auch die Deckenhöhen sollten für Leute, die in einer Passage gehen oder stehen, angenehm sein. Entsprechend den VERSCHIEDENEN RAUMHÖHEN (190) sollte die Höhe jedes Raums gleich viel betragen wie der ungefähre horizontale Abstand zwischen Leuten in der gegebenen Situation — je höher der Raum, desto entfernter halten sich die Leute voneinander.


Edward Hall meint in The Hidden Dimension, dass zwischen Fremden ein Abstand angenehm ist, bei dem man die Einzelheiten der Gesichtszüge nicht erkennen kann. Er gibt diesen Abstand mit 3,5 m bis 5 m an. Also sollte die Raumhöhe einer Passage mindestens in diesem Bereich liegen.

Wenn Leute sitzend oder stehend miteinander sprechen, ist der passende Abstand intimer. Hall gibt dafür 1 m bis 2 m an. Also sollten Stellen der Betriebsamkeit und am „Rand" etwas über 2 m hoch sein.


Die Decke einer großen Passage wäre demnach in der Mitte hoch und an den Rändern niedrig. In der Mitte, wo die Leute durchgehen und anonymer bleiben, kann der Raum zwischen 3,5 m und 6 m hoch sein, auch höher, je nach dem Maßstab des Durchgangs. Entlang der Seiten der Passage, wo man erwartet, dass Leute stehenbleiben und sich etwas mehr auf die Vorgänge im Gebäude einlassen, kann die Decke niedriger sein. Hier sind drei Querschnitte von Innenstraßen, die diese Merkmale haben.


Illustration aus „A Pattern Language“
Illustration aus „A Pattern Language“


4. Breiter Eingang

Soweit wie möglich sollte die Innenstraße eine Fortsetzung der äußeren Erschließung des Gebäudes sein. Um das zu erreichen, sollte der Weg ins Gebäude so wenig wie möglich unterbrochen sein und der Eingang ziemlich breit - eher ein Tor als eine Tür. Ab 41/2 m Breite hat ein Eingang diesen Charakter.


5 Anlässe entlang des Rands

Wenn man zwangloses Herumtreiben erwartet - wie wir es oben unter Abkürzung beschrieben haben -, muss die Straße fortlaufend entlang des Rands verschiedene „Anlässe" bieten.


Räume an der Straße sollten Fenster zur Straße haben. Wir wissen, wie unangenehm es ist, entlang einer blinden Mauer zu gehen. Man verliert nicht nur die Orientierung; man bekommt auch das Gefühl, das ganze Leben im Gebäude sei auf der anderen Seite der Wand und man sei davon ausgeschlossen. Wir würden annehmen, dass öffentlicher Kontakt für den Arbeitenden nicht unerwünscht ist, solange er nicht zu eng ist, das heißt, solange der Arbeitsplatz entweder durch Abstand oder durch eine halbhohe Wand geschützt ist.


Der Weg sollte von Sitzplätzen und Stellen zum Stehenbleiben gesäumt sein - Zeitungs-, Zeitschriften- und Süßwarenstände, Anschlagtafel, Ausstellungsstücke und Schaufenster.


Wenn am Weg Eingänge und Schalter von Betrieben und Dienstleistungen liegen, sollten sie in den Weg vorragen. Wie irgendwelche Tätigkeiten schaffen Eingänge und Schalter Orte am Weg und sollten mit Sitzplätzen und Stellen zum Stehenbleiben verbunden werden. In den meisten Amtsgebäuden sind diese Schalter und Türen von den Gängen zurückgesetzt und deshalb schwer zu sehen. Sie betonen dadurch den Unterschied zwischen dem Gang, der zum Durchgehen da ist, und der Dienststelle, wo etwas vor sich geht. Das Problem löst sich, wenn die Eingänge und Schalter in den Gang vorragen und zu einem Teil des Gangs werden.



Daraus folgt:


Wenn Dichte oder Klima die Haupterschließungswege nach innen zwingen, bau sie als Passagen durchs Gebäude. Leg jede Passage so, dass sie als Abkürzung funktioniert, trenn sie so wenig wie möglich von der öffentlichen Straße und schaff weite, offene Eingänge Säume ihre Ränder mit Fenstern, Sitzplätzen, Schaltern und Eingängen, die in den Raum vorragen und dem Publikum die Vorgänge des Gebäudes zeigen. Mach sie breiter als einen normalen Gang - mindestens 3,5 m, normalerweise 4,5 m bis 6 m breit; mach sie hoch - mindestens 4,5 m - womöglich mit Glasdach und niedrigen Stellen an der Seite. Wenn der Straßenraum einige Stockwerke hoch ist, dann können diese niedrigen Zonen durch seitliche Laufgänge in den verschiedenen Stockwerken gebildet werden.


Illustration aus „A Pattern Language“
Illustration aus „A Pattern Language“


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Behandle die Passage möglichst wie eine FUSSGÄNGERSTRASSE (100), mit OFFENEN TREPPEN (158), die von den oberen Stock werken herunterführen. Leg Eingänge, Empfangsstellen und Sitzplätze so an, dass sie unter der niedrigen Decke an der Seite Nischen von Aktivitäten bilden - FAMILIE VON EINGÄNGEN (102), AKTIVITÄTSNISCHEN (124), ENTGEGENKOMMENDER EMPFANG (149), PLATZ AM FENSTER (180), VERSCHIEDENE RAUMHÖHEN (190) -, und gib diesen Stellen starke natürliche Belichtung WECHSEL VON HELL UND DUNKEL (135). Verbinde anschließende Räume mit FENSTERN IM INNERN (194) und DICHTSCHLIESSENDEN GLASTÜREN (237). Damit die Passage belebt ist, berechne ihre Gesamtfläche nach FUSSGÄNGERDICHTE (123)

Muster: Gebäude


95. GEBÄUDEKOMPLEX

96. ANZAHL DER STOCKWERKE

97. ABGESCHIRMTES PARKEN

98. ORIENTIERUNG DURCH BEREICHE

99. HAUPTGEBÄUDE

100. FUSSGÄNGERSTRASSE

101. PASSAGE DURCHS GEBÄUDE

102. FAMILIE VON EINGÄNGEN

103. KLEINE PARKPLÄTZE

104. VERBESSERUNG DES BAUPLATZES

105. AUSSENRAUM NACH SÜDEN

106. POSITIVER AUSSENRAUM

107. GEBÄUDEFLÜGEL MIT TAGESLICHT

108. ZUSAMMENHÄNGENDE GEBÄUDE

109. LANGES SCHMALES HAUS

110. HAUPTEINGANG

111. HALBVERSTECKTER GARTEN

112. ZONE VOR DEM EINGANG

113. VERBINDUNG ZUM AUTO

114. HIERARCHIE VON AUSSENRÄUMEN

115. BELEBTE INNENHÖFE

116. DACHKASKADE

117. SCHÜTZENDES DACH

118. DACHGARTEN

119. ARKADEN

120. WEGE UND ZIELE

121. DIE FORM VON WEGEN

122. GEBÄUDEFRONTEN

123. FUSSGÄNGERDICHTE

124. AKTIVTÄTSNISCHEN

125. SITZSTUFEN

126. ETWAS FAST IN DER MITTE

127. STUFEN DER INTIMITÄT

128. SONNENLICHT IM INNEREN

129. GEMEINSCHAFTSBEREICHE IN DER MITTE

130. DER EINGANGSRAUM

131. VON RAUM ZU RAUM

132. KURZE VERBINDUNGSGÄNGE

133. DIE STIEGE ALS BÜHNE

134. DIE AUSSICHT DES MÖNCHS

135. WECHSEL VON HELL UND DUNKEL

136. BEREICH DES PAARS

137. BEREICH DER KINDER

138. SCHLAFEN NACH OSTEN

139. WOHNKÜCHE

140. PRIVATTERRASSE AN DER STRASSE

141. DAS EIGENE ZIMMER

142. MEHRERE SITZPLÄTZE

143. GRUPPE VON BETTEN

144. BADERAUM

145. ABSTELLRAUM

146. FLEXIBLE BÜROFLÄCHE

147. GEMEINSAMES ESSEN

148. KLEINE ARBEITSGRUPPEN

149. ENTGEGENKOMMENDER EMPFANG

150. EIN PLATZ ZUM WARTEN

151. KLEINE BESPRECHUNGSZIMMER

152. HALBPRIVATES BÜRO

153. VERMIETBARE RÄUME

154. HÄUSCHEN FÜR TEENAGER

155. HÄUSCHEN FÜR ALTE

156. ERFÜLLTE ARBEIT

157. WERKSTATT IM HAUS

158. OFFENE TREPPEN

159. LICHT VON ZWEI SEITEN IN JEDEM RAUM

160. DIE GEBÄUDEKANTE

161. SONNIGE STELLE

162. ABGESTUFTE NORDFRONT

163. ZIMMER IM FREIEN

164. STRASSENFENSTER

165. ÖFFNUNG ZUR STRASSE

166. DIE GALERIE RUNDHERUM

167. ZWEI-METER-BALKON

168. VERBINDUNG ZUM BODEN

169. TERRASSIERTER HANG

170. OBSTBÄUME

171. PLÄTZE UNTER BÄUMEN

172. WILDWACHSENDER GARTEN

173. GARTENMAUER

174. LAUBENWEG

175. GLASHAUS

176. SITZPLATZ IM GARTEN

177. GEMÜSEGARTEN

178. KOMPOST

179. NISCHEN

180. PLATZ AM FENSTER

181. DAS FEUER

182. ATMOSPHÄRE BEIM ESSEN

183. ABGRENZUG DES ARBEITSPLATZES

184. DER KOCHPLATZ

185. RUNDER SITZPLATZ

186. GEMEINSAMES SCHLAFEN

187. EHEBETT

188. BETTNISCHE

189. ANKLEIDEZIMMER

190. VERSCHIEDENE RAUMHÖHEN

191. FORM DES INNENRAUMS

192. FENSTER MIT BLICK AUF DIE AUSSENWELT

193. DURCHBROCHENE WAND

194. FENSTER IM INNERN

195. ANLEGEN DER STIEGE

196. TÜREN IN DEN ECKEN

197. DICKE WÄNDE

198. SCHRÄNKE ZWISCHEN RÄUMEN

199. SONNIGE ARBEITSFLÄCHE

200. OFFENE REGALE

201. BORD IN HÜFTHÖHE

202. EINGEBAUTE SITZBANK

203. HÖHLEN FÜR KINDER

204. GEHEIMFACH